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„Koff dr mol a gscheits Kabel“

Bandwissen Gitarre & Bass Technik

Ein Instrumentenkabel ist kein Rock-’n’-Roll-Objekt. Niemand schreibt Songs darüber. Niemand posiert damit auf Instagram. Aber ohne ein zuverlässiges Kabel bleibt selbst die teuerste E-Gitarre stumm. Ein Artikel über das meistunterschätzte Teil im Musikerleben – und warum ein guter Rat aus Augsburg manchmal völlig reicht.

Der Satz fiel irgendwann während einer Gitarrensession zweier Freunde von mir. Keine große Bühne, kein Publikum, kein Produzent im Nacken. Zwei Gitarren, zwei Verstärker, ein paar Riffs – und ein Sound, der irgendwie nicht so wollte, wie er sollte. Irgendwann war die Geduld am Ende. Einer schaute auf den Boden, deutete auf eine der Strippen zwischen Gitarre und Amp und sagte trocken: „Koff dr mol a gscheits Kabel.“

Kein Technikvortrag, kein Forenwissen, keine Messwerte. Einfach eine pragmatische Diagnose in Augsburger Mundart. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr scheint da drinzustecken:

Das Instrumentenkabel ist wahrscheinlich das meistunterschätzte Teil im gesamten Set-up.

Mehr als nur ein Stück Draht

Gitarren, Bässe, Verstärker, Pedale – über all das wird leidenschaftlich diskutiert. Tonhölzer, Röhren, Pick-ups, Boutique-Effekte mit kryptischen Namen. Und das Kabel? Liegt irgendwo auf dem Boden. Wird getreten, verknotet, verliehen, vergessen. Hauptsache, es kommt irgendwie Ton raus.

Dabei übernimmt das Instrumentenkabel eine wichtige Funktion: die Verbindung zwischen Instrument und Verstärker. Und was dazwischen passiert, ist klanglich und praktisch relevanter, als viele glauben.

Keine Sorge: Jetzt folgt kein Technikseminar, nur ein kurzer Blick darauf, worauf man beim Kauf eines Instrumentenkabels wirklich achten sollte – verständlich, alltagstauglich und ohne großes Tamtam.

Macht ein Kabel wirklich einen Unterschied?

Kurz gesagt: Ja, aber keinen magischen.

Ein Kabel kann keinen schlechten Sound gut machen. Aber ein schlechtes Kabel kann einen guten Sound ruinieren. Besonders bei passiven Instrumenten wie E-Gitarren oder klassischen E-Bässen wirkt sich das Kabel auf den Klang aus.

Der Hauptgrund dafür ist die Kapazität. Der Wert der Kapazität eines Instrumentenkabels wird in Picofarad pro Meter (pF/m) angegeben. Je niedriger dieser Wert, desto mehr Höhen bleiben erhalten. Hohe Kapazitätswerte machen den Klang dagegen dumpfer, weniger offen – als hätte jemand heimlich am Tonregler gedreht.

Die Länge: Weniger ist oft mehr

Einer der einfachsten Klangtipps überhaupt lautet: Nimm nur so viel Kabel, wie du wirklich brauchst.

Jeder zusätzliche Meter erhöht die Kapazität – und damit potenziell den Höhenverlust. Im Wohnzimmer oder Proberaum reichen oft drei bis fünf Meter völlig aus. Auf der Bühne darf es etwas mehr sein, aber 15 Meter „zur Sicherheit“ sind selten sinnvoll.

Wer mit aktiven Tonabnehmern, einem Buffer oder einem Pedalboard spielt, ist hier entspannter unterwegs. Für alle anderen gilt: Kürzer ist meistens besser.

Dabei darf man jedoch eines nicht vergessen: Klangvorstellungen sind subjektiv. Nicht jeder sucht die maximale Brillanz oder möglichst viele Höhen. Viele legendäre Liveauftritte der 1960er-Jahre wurden mit aus heutiger Sicht unvorstellbar langen Kabeln gespielt – im Extremfall über 20 Meter. Offenbar hat das weder die Gitarristen noch das Publikum gestört.

Ein etwas dunklerer, weniger brillanter Klang kann also durchaus gewollt sein und Teil des persönlichen Sounds werden. Entscheidend ist nicht ein theoretisch „richtiger“ Klang, sondern der, mit dem man sich wohlfühlt und musikalisch ausdrücken kann.

Ruhe bitte: Abschirmung und Störgeräusche

Ein gutes Instrumentenkabel soll nicht nur das Signal weiterleiten, sondern auch Störungen draußen halten. Brummen, Knacken oder Einstreuungen kommen oft nicht vom Verstärker, sondern vom Kabel.

Eine saubere Abschirmung schützt vor elektromagnetischem Müll aus Lampen, Netzteilen oder schlecht gelaunten Neonröhren. Gerade live oder im Proberaum macht sich das bemerkbar.

Wenn ein Kabel schon beim bloßen Bewegen knistert, ist das kein Charakterzug, sondern ein Problem.

Mechanische Qualität: Das wahre Leben ist kein Wohnzimmer

Kabel werden getreten, geknickt, über Bühnenkanten gezogen und hektisch eingepackt. Deshalb ist die mechanische Qualität mindestens genauso wichtig wie der Klang.

Worauf es ankommt:

  • solide Stecker mit Zugentlastung
  • ein flexibler, aber robuster Mantel
  • saubere Verarbeitung im Inneren (auch wenn man sie nicht sieht)

Ein gutes Kabel klingt nicht besser, aber es hält länger. Und Nerven sind bekanntlich begrenzt belastbar.

Fazit: Ein guter Rat, der hängen bleibt

Das Kabel ist kein Teil des Set-ups, mit dem man angibt. Aber eines, auf das man sich verlassen können muss – im Proberaum genauso wie auf der Bühne. Wenn ich heute an diese Session meiner Freunde zurückdenke, an den genervten Blick und diesen einen Satz „Koff dr mol a gscheits Kabel“, dann war das nicht nur ein Spruch, sondern ein ziemlich brauchbarer Rat fürs Musikerleben.

Ein gutes Kabel macht keinen besseren Musiker aus dir und rettet auch keinen schlechten Song, aber es sorgt dafür, dass dein Sound genau so ankommt, wie du ihn dir vorstellst.

Und manchmal ist genau das der Unterschied zwischen Frust und Spielfreude.

Vielleicht braucht es also gar keine langen Diskussionen, keine Messdiagramme und keine Glaubenskriege. Manchmal reicht ein Blick auf den Boden – und a gscheits Kabel.

Dank

Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr.-Ing. Manfred Zollner für seine freundliche Unterstützung und das Gegenlesen dieses Artikels. Prof. Zollner war viele Jahre Professor an der OTH Regensburg und hat sich über Jahrzehnte intensiv mit der Physik von Elektrogitarren, Verstärkern und Lautsprechern sowie mit Fragen der Elektro- und Raumakustik beschäftigt.

Besonders erwähnenswert ist seine umfangreiche und frei zugängliche Website „Physik der Elektrogitarre“ (www.gitarrenphysik.de), die für Musikerinnen und Musiker ebenso wie für technisch Interessierte eine außergewöhnliche Wissensquelle darstellt.

2024 wurde Prof. Zollner von der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA) für sein wissenschaftliches Lebenswerk mit der Helmholtz-Medaille ausgezeichnet – eine Würdigung, die nicht nur seine Forschung ehrt, sondern auch seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich und praxisnah zu vermitteln. Umso mehr freut es mich, dass er mit seiner Expertise dafür gesorgt hat, dass dieser Artikel nicht unbeabsichtigt zur Verbreitung technischen Unsinns beiträgt.

Foto: Julian Martitz Prof. Zollner (Mitte) mit der Helmholtz-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Akustik

2 thoughts on “„Koff dr mol a gscheits Kabel“

  1. Ein elaborierter Artikel! 👍 –  Dazu als Ergänzung und Bonmot ein Problemfall, den sicherlich der/die eine oder andere auch schon erlebt hat:
    Was macht man im Proberaum, wenn es keine Sitzgelegenheit gibt? Man setzt sich einfach auf den Gitarrenverstärker! Ungünstig jedoch, wenn es sich um einen Amp handelt, bei dem sich das Bedienfeld und insbesondere der Gitarreninput auf der Oberseite befindet (z.B. der Vox AC30 o.ä.) und dabei das Gitarrenkabel mit geraden Klinkensteckern ausgestattet ist. Bei unachtsamem Sitzen oder Beengtheit, wenn zwei oder gar drei Personen Platz nehmen, kommt es sehr leicht zu verbogenen Steckern bis hin zum Kabelabriss. Dieses Malheur passiert oft Anfängern, ich denke dazu zurück an meine Zeit als Möchtegern-Guitar-Heroe in den Siebzigern … 😬 Das Problem lässt sich (heutzutage) leicht mit Gitarrenkabeln vermeiden, die über eine „Winkelklinke“, d.h. abgewinkelte Stecker verfügen. Dies ist auch Standard bei Geräte-Kabelverbindungen z.B. auf einem Effektpedalboard. Gut natürlich auch bei Gitarren, wo die Klinkenbuchse an der Korpusseite eingebaut ist, z.B. der Les Paul. Anders dagegen bei der Strat, wo die spezielle Klinkenbuchse nach einem geraden Klinkenstecker verlangt.
    Man merkt, das Thema „Kabel“ ist facettenreich! Z.B. auch in mittelbar kulinarischer Hinsicht: Obacht „Kabelsalat“! Welcher Professor hilft? 😉

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