KI-generiertes Bild (Benny Lück)

Zwölf Saiten: Höchste Zeit für ein Comeback!

Gitarre & Bass

Es ist schon merkwürdig. Im Lauf der Jahrtausende hat die Menschheit allerlei Dinge erfunden – die Dampfmaschine, WhatsApp-Familiengruppen, den veganen Leberkäs –, aber eine ihrer schönsten Errungenschaften lässt sie einfach links liegen: die zwölfsaitige Gitarre. Zwölf Saiten! Das ist doch ein Statement! Es folgt ein dringender Appell für mehr Jingle. Und mehr Jangle.

Die zwölfsaitige Gitarre war mal jemand, war prominent und begehrt. In den Sechzigern und Siebzigern konnte man wahrscheinlich kein Radio aufdrehen, ohne dass einem dieser helle, schimmernde Jingle-Jangle-Sound entgegenkam, der einem sofort das Gefühl gab, die Welt sei in Ordnung. George Harrison spielte eine. Die Byrds sowieso. Tom Petty schwor darauf. Und ohne die zwölfsaitige Gitarre wäre Hotel California vielleicht nur ein gewöhnliches Motel an irgendeiner Ausfallstraße.

Doch mit den Jahren ist sie verschwunden. Einfach so. Sang- und klanglos. Was insofern tragisch ist, weil Sang und Klang ja gerade ihre Spezialität ist.

Eigentlich darf ich mich gar nicht beschweren. Und schon gar nicht jammern. Ich trage schließlich selbst zum allmählichen Vergessen bei. Ja, ich besitze eine zwölfsaitige Gitarre und ich behandle sie schlecht. Sträflich missachtet fristet sie ihr Dasein auf dem Schlafzimmerschrank. Alle paar Monate hole ich sie vielleicht aus ihrer staubigen Tasche – dann kommt es mir vor, als würde sie sagen: „Als ich jung war, konntest du die Finger nicht von mir lassen, und jetzt lässt du mich hier vergammeln, du Mistkerl!“

Und sie hat ja recht.

Denn so ist das mit der Zwölfsaitigen: Man spielt sie kurz an und alles wird sofort größer, irgendwie glitzernder. Das ist ein Gefühl, als würden George Harrison und Tom Petty gemeinsam auf einer Wolke sitzen, einem zunicken und „Mach weiter!“ sagen. Wem bitte geht da nicht das Herz auf?

Und eins ist auch klar: Ohne die Zwölfsaitige wäre die Musikgeschichte um etliche magischen Momente ärmer. Der geheimnisvolle Anfangsakkord von A Hard Day’s Night wäre nicht das vielleicht meistdiskutierte Pop-Intro aller Zeiten und keiner hätte sich je bemüßigt gefühlt, bei Wikipedia darüber einen eigenen Abschnitt zu verfassen. Und bei den ersten Tönen von Wish You Were Here oder Free Fallin’ stellt sich doch unmittelbar dieses wohlige Gefühl ein, als käme ein lieber Freund zu Besuch.

Doch die Realität ist gnadenlos pragmatisch. Eine Gitarre mit sechs Saiten ist praktischer, schneller gestimmt, weniger empfindlich. Sie ist quasi der VW Golf unter den Gitarren. Solide, verlässlich, unauffällig. Die Zwölfsaitige hingegen – eher ein Oldtimer. Traumhaft schön, aber mit Tücken. So ein Instrument fordert mehr Aufmerksamkeit ein. Und mehr Geduld. Für jeden Saitenwechsel muss man gefühlt einen halben Nachmittag einplanen.

Doch dafür kann sie etwas, was keine andere Gitarre kann: den Sound mit einem Schlag auf „episch“ drehen. Von „ganz nett“ zu „Holla, ist hier gerade der Sommer ausgebrochen?!“ Und das ohne Pedalboard-Effekt-Wahnsinn. Sie lässt simple Akkorde klingen, als hätte jemand heimlich ein kleines Orchester ins Arrangement geschmuggelt. Sie ist im Grunde die Doppelrahmstufe des Rock ’n’ Roll – alles wird irgendwie mehr. Mehr Glitzern. Mehr Schimmern. Mehr von allem, was gut ist.

Trotzdem steht sie nur rum oder landet auf dem Schrank. Oder im Koffer. Oder hinter dem Sofa. Während ihre sechssaitige Cousine das ganze Rampenlicht einstreicht.

Das bringt mich zum entscheidenden Punkt (und liebe KUKI-Bands, damit seid ihr gemeint).

Bringt die Zwölfsaitige zurück ins Licht!

Befreit dieses wunderbare Instrument aus den Kellern, Abstellkammern, Dachböden oder den Gitarrentaschen mit seit 2015 geplatztem Reißverschluss: Holt sie raus. Gebt ihnen neue Saiten, ein bisschen Zuwendung, vielleicht sogar einen Namen. Elektrisch oder akustisch, von mir aus auch frisch aus dem Laden, egal wie: Rauf auf die Bühnen damit und überall dorthin, wo Leute stehen, Bier trinken und glauben, schon alles gehört zu haben.

Bringt diesen schimmernden, glitzernden, federleichten Jingle-Jangle-Sound zurück in die Welt. Vielleicht ist es ja genau das, was wir brauchen: wieder ein bisschen Hoffnungsklang, ein bisschen Byrds-Summertime-Gefühl, ein bisschen Magie, die nicht aus dem Laptop kommt.

Und vielleicht schreibt ihr damit Geschichte. Vielleicht sogar Gitarrengeschichte. Oder wenigstens die Geschichte eines verdammt guten Gigs.

Also nochmal, liebe KUKI-Bands:

Lasst die Zwölfsaitige wieder auferstehen!

Und ich? Ich hole meine morgen vom Schrank runter. Ehrlich.

3 thoughts on “Zwölf Saiten: Höchste Zeit für ein Comeback!

  1. Ein (weiterer) guter Vorsatz fürs neue Jahr! 🙂 „Back to he roots“ gewinnt an Bedeutung, doch KI & Co weisen in eine andere Richtung. Dazu passt auch das Beitragsbild, was übriges sehr gut gelungen ist! Gerade las ich zufällig eine Nachricht von einem Hörgerätehersteller, dass bei den Hörsystemen ebenso KI-Unterstützung Einzug erhält mittels leistungsstarker Deep-Neural-Network-Chips und umfangreichem KI-Training, um damit Sprache präzise aus Hintergrundgeräuschen herauszufiltern und störende Geräusche effektiv zu minimieren. Und das ist wohl erst der Anfang … Könnte es dann sein, dass wir künftig mit einer bloßen Luftgitarre den Zwölfsaitersound und vieles mehr generieren werden?! 😉 Ich wünsche uns allen jedenfalls einen guten Rutsch ins neue Jahr und die Realisierung unserer schönen Vorsätze!

  2. Hey, Benny,
    Ich hab heute meine 12-saitige (Ovation) von der Wand genommen (sieht auch als Kunstwerk zwischen allen meinen Gitarren und Bäassen an der Wand im Gang gut aus), hab sie zärtlich abgestaubt und jetzt suche ich die Ersatzsaiten und werde die aufziehen…
    Mal sehen, wo ich sie bei FlatPix einsetze, aber sicher nicht bei Songs mit zu viel Barre-Griffen… da faulen mir immer die Finger ab…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert