Eine Glosse von Karl Poesl
Der erste Soloauftritt beginnt früher, als viele denken – oft schon beim Soundcheck. In dieser Artikelserie geht es um Haltung, Vorbereitung und Praxis: von Übetipps über Setlist und Equipment bis zum Plan B, wenn etwas schiefgeht. Für alle, die allein auf die Bühne wollen und wissen möchten, wie.
Jeder von uns kennt das kleine 1×1 und ist meist bis hinauf zum Fünfer relativ sicher. Ab dem Sechser wird es bei einigen Zeitgenossen dann schon leicht wackelig, den Fortschritten von Didaktik und Pädagogik sei Dank. Mathematik und einstellige Primzahlen sollen hier aber nicht das Thema sein, sondern das Rätsel des 1×1 beim Soundcheck bzw. das korrekte Abzählen der natürlichen Zahlen von 1–3 nach dem Motto „Keep it clear and simple“.
Von den zigtausenden Soundchecks, die ich im Laufe der Jahre miterlebt habe – aktiv wie passiv – verliefen gefühlt 99,9 Prozent nach dem gleichen Muster:
„Test, testing, one, two, three.“ Oder auf Deutsch: „Test, eins, zwei, drei.“
Diese erstaunliche Konstanz wirft grundlegende Fragen auf. Wann im Leben hat man als Musiker schon die Möglichkeit, ohne Unterbrechung lautstark seine Stimme in einen Raum zu schicken, Aufmerksamkeit zu bündeln und den ersten Eindruck zu setzen–wenn nicht beim Soundcheck?
Und was passiert stattdessen? Die immer gleichen Plattitüden: „Test, 1, 2, 3“. Bei einem mir bekannten Künstler folgte darauf einmal ein energisches „Pssst!“, weil ihn das Gequatsche der bereits anwesenden Zuhörer störte – wohlgemerkt während der inhaltlich hochrelevanten Botschaft „Test, 1, 2, 3“.
Vielleicht liegt die Beliebtheit dieses kleinen Einmaleins darin, dass es niemandem wehtut. Es ist neutral, mathematisch korrekt, widerspruchsfrei. Alle sind einverstanden. Es entsteht eine Art Volksharmonie. Niemand blamiert sich, niemand positioniert sich.
Dabei stehen dort oft stimmgewaltige, ambitionierte Musiker auf der Bühne, die eigentlich genau in diesem Moment zeigen könnten, wofür sie stehen. Stattdessen hört man ein müdes „Test, 1, 2, 3“, gefolgt von der ebenso müden Antwort des Mischers: „Schrei mal rein.“ Wegen des Pegels.
Dass die Routine danach ihren gewohnten Lauf nimmt – „Ich hör mich nicht auf dem Monitor“, „Warum habe ich nur die Drums drauf?“ – geschenkt. Spätestens im Laufe des Konzerts senkt sich ohnehin die Hörschwelle, und dann hört sich sowieso keiner mehr so richtig.
Aber der erste Eindruck bleibt.
Gerade für Solomusiker ist dieser Moment mehr als nur ein technischer Check. Er ist der erste Auftritt des Abends. Noch ohne Applaus, aber mit maximaler Aussagekraft. Wer hier leise zählt, sendet ein anderes Signal als jemand, der mit Stimme, Haltung und Präsenz in den Raum geht.
Wenn jemand wirklich singen kann, dann bitte auch beim Soundcheck. Mit Haltung. Mit Engagement. Gerne mit einem Song, der Dynamik hat, Tonumfang zeigt und klarmacht: Ich weiß, was ich tue. Das kann Janis Joplin sein, das kann „O sole mio“ sein – entscheidend ist nicht das Stück, sondern die Haltung dahinter.
So entsteht Selbstbewusstsein. Und genau dieses Selbstbewusstsein zieht sich durch alles, was einen gelungenen Soloauftritt ausmacht: von der Vorbereitung über die Auswahl des Equipments, von der Setlist bis zum Umgang mit Pannen.
Diese kleine Artikelserie über Solomusiker wird sich genau damit beschäftigen:
- Was braucht es wirklich für den ersten Soloauftritt?
- Welche technischen und künstlerischen Entscheidungen helfen weiter?
- Wie bereitet man sich realistisch vor – und wie bleibt man handlungsfähig, wenn etwas schiefgeht?
Der Soundcheck ist nur der Anfang. Aber er verrät oft schon, wie ernst es jemand meint. Wetten, dass?

Karl Poesl
Als „Berufsjugendlicher“ ist das Alter 72 nur eine Zahl und schützt keineswegs vor dem Beschreiten abenteuerlicher künstlerischer und kreativer Wege. Mit dem absoluten Gehör steht mir ein Helferchen zur Verfügung, das mich vor allzu viel Musiktheorie und Jazzpolizei schützt. Zum 1. Mal stand ich mit 14 bei einem Faschingsball im „Grünen Kranz“ auf der Bühne. Da hatte ich das Gefühl, dass mir alle auf die Hände starren. Das hat sich nach zig Auftritten etwas gelegt. Mit 129 Auftritten im legendären Raben darf ich mich Rekordhalter schimpfen. Und ich freue mich schon, Anekdoten und Tipps für MusikerInnen schreiben zu dürfen, die einen einsamen Plan haben, ohne digitale Gimmicks.



