Seit den Achtzigern geht mir dieser Song eher auf die Nerven: „Live is life“ von Opus. Der Titel trifft jedoch mitten ins Schwarze. Livemusik ist nicht perfekt, manchmal unbequem und oft ziemlich laut – und doch stehe ich immer wieder vor Bühnen, anstatt zu Hause zu bleiben.
Es wird dunkel im Saal. Ein kurzer Moment der Stille, dann ein erstes Geräusch aus der Menge, irgendwas zwischen Aufatmen und Jubel. Die Band betritt die Bühne, ein Akkord, vielleicht noch unsauber, vielleicht einen Hauch zu laut – und genau deshalb richtig. In diesem Augenblick weiß ich wieder, warum ich so gern zu Konzerten gehe. Nicht, weil alles perfekt ist. Sondern weil es lebt.
Livemusik beginnt nicht mit dem ersten Ton, sondern mit Erwartung. Mit dem Warten, dem Schauen, dem Hinhören. Und sie endet nicht mit der letzten Zugabe, sondern bleibt. Man nimmt etwas mit nach Hause, das sich nicht ins Regal stellen lässt.
Was Konzerte so besonders macht, ist ihre Unberechenbarkeit. Kein Abend gleicht dem anderen, selbst wenn dieselbe Band dieselbe Setlist spielt. Es kann regnen, es kann zu heiß sein, der Sound kann schwanken, jemand singt schief oder improvisiert um einen Fehler herum. Genau das unterscheidet Livemusik von jeder Aufnahme. Sie ist kein Produkt, sondern ein Ereignis.
Ich erinnere mich an Marius Müller-Westernhagen 1999 im Münchner Olympiastadion. Ein schöner sommerlicher Tag, bis ein Wolkenbruch Stadion und Bühne komplett unter Wasser setzte. Wir waren nass bis auf die Knochen – und trotzdem blieben alle da. Niemand ging. Im Gegenteil: Der Regen schweißte uns zusammen. Zusammen mit wildfremden Menschen suchte man Schutz unter Planen. Man hielt durch, gemeinsam. Es war kein perfekter Abend, aber ein großartiger. Vielleicht gerade deshalb.
Oder Udo Lindenberg 2016 in der Olympiahalle. Ein Konzert, bei dem auf und über der Bühne so viel passierte, dass man kaum wusste, wo man zuerst hinschauen sollte. Musik, Akrobatik, Gesten, Figuren – ein Dauerfeuer an Eindrücken. Man verließ die Halle nicht einfach, man musste sich erst wieder sortieren. Auch das ist Livemusik: Sie fordert Aufmerksamkeit, sie duldet kein Nebenbei.
Konzertbesuche sind immer auch Gemeinschaftserlebnisse. Man steht mit Fremden im selben Raum, teilt dieselbe Musik, dieselben Reaktionen. Auf einmal singt der ganze Saal mit und man wird Teil eines großen Chors. Für ein paar Stunden gelten andere Regeln. Herkunft, Alter, Alltag treten in den Hintergrund. Entscheidend ist nur, dass man gerade dasselbe fühlt. Euphorie, Rührung, manchmal auch Melancholie. Dieses kollektive Erleben ist schwer zu erklären – man muss es erfahren.
Besonders deutlich wird das bei kleineren Konzerten. Etwa im Bombig. Rock, Rockabilly, Blues, Soul, Punk, Metal, freier Eintritt, jemand geht mit dem Hut herum. Kein Ticket, kein Schnickschnack. Dafür Begegnungen. Jung und Alt, Menschen in ihren Zwanzigern, Menschen in ihren Siebzigern, Stammgäste und Neulinge, alle nebeneinander. Die Stimmung ist entspannt, niemand muss sich beweisen. Man kommt rein und fühlt sich willkommen. Auch das ist Livemusik.
Natürlich gibt es Schattenseiten. Gedränge, schlechte Luft, klebrige Böden, die nervige Suche nach einem Parkplatz, verspätete Züge auf dem Heimweg. Manchmal regnet es, manchmal versperrt ein Zwei-Meter-Mann die Sicht, manchmal ist es einfach anstrengend. Aber all das gehört halt auch dazu. Livemusik ist nicht steril, nicht bequem, nicht perfekt. Sie ist echt. Und genau darin liegt ihr Reiz.
Ich sammle meine Konzerttickets in einer Schachtel. Ab und zu schau ich hinein und erinnere mich, z. B. an ein ganz spezielles Weihnachtskonzert der Leningrad Cowboys am 2. Weihnachtsfeiertag 1992 auf dem gerade stillgelegten Flughafen München-Riem. An Papa Falloon und seinen Sohn Jason in Fuxis Fuchsbau in Augsburg irgendwann Anfang der Neunziger – ich erinnere mich an Folkklassiker, an eine grandiose Version von Hendrix’ „Voodoo Child“, an Guinness und an Fuxis legendären Gruselburger. Diese Abende sind geblieben. Viele Dinge aus derselben Zeit nicht. Fuxis Fuchsbau beispielsweise gibt es schon seit vielen Jahren nicht mehr.
Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Erlebnisse nutzen sich nicht ab. Sie verlieren nicht an Wert, sie gewinnen oft sogar. Je mehr Zeit vergeht, desto klarer wird, was wirklich zählt. Nicht der Besitz, sondern das, was man erlebt hat. Nicht das Perfekte, sondern das Echte.
„Live is life“ ist mehr als ein Songtitel. Es ist eine Haltung. Ein Plädoyer dafür, den Moment zuzulassen, sich hineinzuwerfen, auch wenn es unbequem wird. Deshalb gehe ich zu Konzerten. Immer wieder. Wir sehen uns dort. Vor der Bühne. Oder ein Stück weiter hinten.




