Es ist immer wieder spannend, wie Menschen zur Musik gefunden haben. Hier erzählt Karina, die Sängerin der KUKI-Band Ruby Fruit, ganz persönlich über ihren Werdegang und wie sie erst nach und nach Selbstbewusstsein auf der Bühne gefunden hat.
So einige Musikerkollegen erzählen immer wieder, wie sie schon von Kindesbeinen an musiziert haben. Sie haben die Musik quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Bei mir war das nicht so. Ja, ich habe im Kindergarten im Kinderchor gesungen, weil ich hingeschickt wurde – nicht, weil ich es wollte. Mein einziges Instrument war die Blockflöte (das oder Melodika mussten wir in der Grundschule lernen), was mir zumindest ein Grundverständnis an Notenlehre gebracht hat. Später fand ich Gitarre cool, aber da fehlten die finanziellen Mittel. Also bin ich am Ort ein paar Jahre in den Jugendchor, aber die Kirchenlieder haben mich schnell gelangweilt. Als Dorfkind lag mein Aktionsradius bis zu meinem 18. Lebensjahr bei 3 km, mit dem Rad vielleicht bei 10 km (ohne Hügel). Und die nächste größere Stadt war 25 km entfernt.
Mit Mitte 20 hat mich eine Freundin zu einer Bandprobe geschleppt und gemeint, ich könnte doch ihre Nachfolgerin werden, weil sie wegzieht. Da sich mein Leben gerade in einer Umbruchphase befand, erschien mir das Angebot interessant, und die Band gab mir (nicht ohne gutes Zureden der alten Sängerin) eine Chance. Ich nahm Gesangsstunden, um wenigstens die Basics auf die Kette zu bekommen, doch ich hatte oft das Gefühl einfach „nur“ die Sängerin zu sein. Auch ein paar Jahre Klavierunterricht haben es nicht gerichtet. Zum Glück hat mich meine Band all die Zeit immer supported und ermutigt, sonst hätte ich es vermutlich hingeschmissen.
In meiner Erinnerung habe ich auf die Frage nach meiner Rolle in der Band meist diese Antwort gegeben: „Ich bin nur die Sängerin.“ Vielleicht habe ich es mir bloß eingebildet, doch auf meine Antwort hin hatte ich den Eindruck, immer in leicht enttäuschte Gesichter zu sehen. Dabei ist gerade Singen eine der persönlichsten Offenbarungen, wie ich heute denke. Die Einzigartigkeit der eigenen Stimme und ihrer Wirkung sollte ich erst viel später schätzen lernen.
Irgendwann nahm ich an einem Gesangscoaching teil und probierte Neues aus. Es geschah nicht sofort, es war mehr ein beständiger Prozess, indem ich meine Sinne erweiterte. Plötzlich tat sich ein neues Universum vor mir auf, in dem es viel mehr um Fühlen als Hören der Musik ging. Musik besteht aus Frequenzen und beim Hören und Fühlen nahm ich neue Dinge wahr. Dieses Wahrnehmen hatte auch Einfluss auf mich und meine Stimme. Es ging nicht mehr nur um bloßes Ausatmen mit Ton. Ich begriff, dass es von Bedeutung für das Publikum ist, mit welcher Intention jemand singt oder sein Instrument spielt oder welche Gedanken mit auf die Bühne genommen werden. Es ist ein natürliches Spiel mit der Energie, ein Tanz der Frequenzen zwischen Lebewesen.
Heute weiß ich: Singen ist für mich eine sehr persönliche, fast schon intime Form, mich zu zeigen. Jede Probe, jeder Auftritt erinnert mich daran, meine Stimme bewusst einzusetzen, damit nicht nur ich mich beim Singen gut fühle, sondern vor allem das Publikum mit einem guten Gefühl nach Hause geht. Und vielleicht sollte genau das mein Weg zur Musik sein – nicht der gerade, sondern der, auf dem ich gelernt habe, meiner eigenen Stimme zu vertrauen und ihr Bedeutung zu verleihen.


