Es gibt ein Interview, bei dem ich bis heute ein schlechtes Gewissen habe. Nicht, weil ich schlecht vorbereitet gewesen wäre. Oder weil der Gesprächspartner schwierig war. Nein, mein schlechtes Gewissen rührt daher, dass ich einem von seinen Erkrankungen sichtlich gezeichneten Künstler vor seinem Konzert auch noch seine Zeit gestohlen habe, die er vielleicht dringend zur Entspannung gebraucht hätte.
Chris Rea hatte 2001 Krebs, 2016 einen Schlaganfall und er litt an Diabetes. Erfurt war am 13. Oktober 2017 die erste Station der Deutschland-Konzerte der „Road Songs For Lovers“-Tour. Möglicherweise habe ich eines der letzten Interviews mit ihm geführt, denn später gab es auf der Tour meines Wissens keine weiteren Termine mehr mit Journalisten.
Ich: Chris Rea, wie fühlst du dich als Rockstar?
Chris Rea: Sehe ich etwa aus wie ein Rockstar? Ich bin zuallererst ein Blues-Musiker, der Slide-Gitarre spielt. Ich bin zu alt. Rockstar zu sein ist eine richtige Disziplin. Du musst darauf achten, dass die Frisur sitzt und dass du verrückte Klamotten anhast – das ist nichts für mich. Dazu bin ich viel zu entspannt.
Ich: Was bedeutet es für dich, auf Tour zu gehen?
Chris Rea: Ich bin immer glücklich, wenn ich unterwegs bin. Ich mag es, auf Tournee zu gehen. Das ist interessant und notwendig. Du spielst für die Leute einige alte Songs und natürlich auch ein paar neue.
Ich: Die Songs auf dem neuen Album „Road Songs for Lovers“ handeln dann auch oft vom Reisen und von Autos. Wie kam es dazu?
Chris Rea: Ich bin ein Songwriter. Da wir so viel Zeit in Autos verbringen, handeln einige Titel davon, dass wir uns im Auto aufhalten. Als diese Platte entstanden ist, ist mir aufgefallen, dass wir uns dauernd im Verkehrsstau befinden. Vielleicht nicht gerade in Erfurt, aber in Europa und besonders in England und natürlich in Großstädten wie Frankfurt und München.
Chris Rea hat mir nach dem Gespräch noch ein Bild aus meiner Foto-Ausstellung signiert, das ich 2012 von ihm gemacht hatte. Sein Gitarrenspiel und sein Gesang waren am Abend beim Konzert übrigens großartig. Beim Auftritt ist er richtig aufgeblüht. Kurz vor Ende der Tour ist er dann am 9. Dezember 2017 in Oxford nach rund 45 Minuten auf der Bühne zusammengebrochen. Die Konzerte in Brighton am 10. und in Bournemouth am 12. Dezember mussten ausfallen.
Chris Rea ist zwei Tage vor Weihnachten letztes Jahr am 22. Dezember 2025 im Alter von 74 Jahren verstorben.
Danke für diese Begegnung.








Werner, ich finde, Du musst kein schlechtes Gewissen haben. „Ich bin immer glücklich, wenn ich unterwegs bin“ sagt eigentlich alles. Ich hatte das Glück, Chris Rea im November 2017 in der Philharmonie in München erleben zu dürfen. Und so weit ich mich erinnern kann, stand da auf der Bühne ein Musiker, der, auch wenn man ihm seine schlechte Gesundheit deutlich ansehen konnte, ganz bei sich war – konzentriert, präsent und getragen von seiner Band und dem besonderen Ambiente. Wenn Chris Rea sagt, dass ihn das Unterwegssein glücklich macht, dann darf man ihm das glauben. Und dann war er es sehr wahrscheinlich auch im Interview.