Als bekennender Beatles-Fan bereits ab frühem Teenager-Alter möchte ich heute der KUKI-Leserschaft und allen anderen Interessierten eine brandneue Buchpublikation zu dieser Evergreen-Band vorstellen. Dabei handelt es sich um eine Retroperspektive, die weniger das Phänomen der „Fab Four“ behandelt, sondern den Fokus speziell auf das Songwriter-Duo und gleichsam Markenzeichen „John Lennon & Paul McCartney“ richtet. Und dies ist ein besonderes Novum in der schieren Flut an Beatles-Publikationen!
Das Buch „John & Paul – Eine musikalische Liebesgeschichte“ von Ian Leslie bietet eine psychologische und musikalische Analyse der facettenreichen Beziehung zwischen John Lennon und Paul McCartney, den beiden prägenden Protagonisten der Band, die ihren Anfang in den späten 1950er-Jahren mit bekannten Coversongs nahm und sich in den gut zehn Jahren ihres Bestehens zur bekanntesten Boy-Group aller Zeiten mit einem kaleidoskopartigen, eigenständigen Songspektrum entwickelte. Es konzentriert sich dabei komplett auf die intensive, oft stürmische und von Eifersucht wie Sehnsucht geprägte Partnerschaft der beiden Frontmänner. Die Geschichte ihres Songwriting wird chronologisch anhand von 43 ausgewählten Songs erzählt, von den Quarry Men zu den Beatles bis hin zu Solo-Werken aus der Zeit danach. Dabei bricht der Autor das typische Narrativ auf, nach dem John der radikale Rock-Rebell und Paul der harmlose Balladen-Schreiber war.
Ian Leslie merkt dazu im Vorwort an: „Damals verbreitete sich ein Dualismus, der sich seither hartnäckig hält. John wird als die kreative Seele betrachtet und Paul als sein begabter, aber seichter Handlanger. Nach Lennons viel zu frühem Tod 1980 wurde dieses Narrativ kanonisch und herrscht noch immer vor, auch wenn es inzwischen ein wenig angestaubt wirkt und mehr über die kulturelle und politische Verfasstheit einer längst vergangenen Zeit aussagt als über die tatsächlichen Ereignisse. […] Wir brauchen eine neue Geschichte, nicht zuletzt, weil in den vergangenen Jahren wichtige Belege aufgetaucht sind, die die alten Erzählungen unterlaufen. Dazu gehören Veröffentlichungen der Beatles-Labels, Demos mit mehreren Stunden Material, Outtakes und Mitschnitte der im Studio geführten Gespräche, die ein neues Licht auf die Beziehungen und kreativen Prozesse innerhalb der Band werfen.“
Und so startet der Autor seine neue Geschichte unter der Überschrift bzw. dem Doo-Wop-Song „Come Go with Me“, als sich John und Paul an einem heißen Tag in einem Liverpooler Vorort auf einem Gartenfest kennenlernten und Lennon‘s Skiffle-Band „The Quarry Men“ dort dieses Lied coverte. Danach ergab sich alles Weitere. Dazu schreibt Ian Leslie: „Beim Sommerfest in Woolton hörte jeder den anderen sagen, Come Go with Me. Und als Paul nach Johns Gitarre griff – und sie umstimmte, umdrehte und wie eine Waffe auf ihren Besitzer richtete –, verschob sich die Achse des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwei beschädigte Romantiker mit Ecken und Kanten, die wie Puzzleteile zueinanderpassten, verschmolzen zu etwas von Energie erfülltem Neuen. „Der Tag, an dem ich Paul kennengelernt habe“, sagte John Lennon zehn Jahre später, „war der Tag, an dem alles in Bewegung kam.“. Diese kreative Symbiose entwickelte sich zur Profession mit „The Beatles“ und den stilistisch so reichhaltigen und immer komplexer werdenden Lennon-McCartney-Kompositionen, angefangen von „Please Please Me“ im Stil von Roy Orbison, dem ersten Nummer-eins-Hit in den britischen Charts und Beginn der Beatlemania, überleitend etwa mit „Ticket to Ride“, „We Can Work it Out“ und „Eleanor Rigby“ in die psychedelische und die späte Phase mit „Tomorrow never knows“, „Strawberry Fields Forever“, „Penny Lane“ und „I Am the Walrus“, über „Hey Jude“, „Get Back“, „Don’t let me Down“ oder „Oh! Darling“ bis hin schließlich zu „The End“.
Und auch die Post-Beatles-Ära war geprägt von einem Zusammenwirken, allerdings zunächst mit Verbitterung. Der Song „How Do You Sleep?“ war Johns musikalische Antwort auf Pauls Sticheleien in dessen Soloalbum „Ram“. Ian Leslie schreibt dazu: „Lennon singt den Text mit heiserer, jaulender Stimme, verwendet dazu einen aufgesetzten amerikanischen Slang. Mit Verweis auf die „Paul-ist-tot-Verschwörungstheorie“ wirft er McCartney vor, kreativ gestorben zu sein: „Those freaks was right when they said you was dead.“ Und weiter: „You live with straights who tell you, you was king” und dass Paul „jump(s) when momma tell you anything”. Und natürlich bleibt auch der Song, der ihn am meisten wurmte, nicht unerwähnt: „the only thing you done was yesterday“. Die Situation entspannte sich, aber zu einer möglichen Beatles-Reunion gelangte es tragischerweise nicht mehr. Ian Leslie: „Paul schrieb ‚Here Today‘ in Sussex. Es muss ihm vorgekommen sein wie eine unglaublich angsteinflößende Auftragsarbeit. Die ganze Welt erwartete von ihm einen musikalischen Trauergesang auf John, wobei die öffentlichen Erwartungen dabei vielleicht nicht einmal so einschüchternd gewirkt haben mochten wie die geisterhafte Gegenwart seines früheren Mitstreiters. Als Textschreiber, der ungern zu lange über einen Text nachdenkt, musste er sich nun jedes Wort genau überlegen. Trotzdem ist das Ergebnis eine sehr würdevolle und bewegende Auseinandersetzung mit Johns Geist. ‚Here Today‘ versucht gar nicht erst, alles, was John Lennon ausmachte, das Verhältnis von John und Paul oder die Beatles zusammenzufassen. Es stellt nur, begleitet von offenen Akkorden, die Frage, was wäre, wenn? Was wäre, wenn du hören könntest, wie ich diesen Song singe?“
Zum Autor: Ian Leslie ist ein britischer Autor und Essayist. Er schreibt regelmäßig für renommierte Publikationen wie die New York Times, die Financial Times und den Economist. Seine Bücher, darunter Born Liars, Curious und How To Disagree, beschäftigen sich mit den Rätseln menschlichen Verhaltens und verbinden fundierte Recherche mit erzählerischem Feingefühl. Ian Leslie lebt in London.
Die Daten zum Buch: Ian Leslie, „John & Paul – Eine musikalische Liebesgeschichte“ (Originaltitel John and Paul – A love story in Songs), übersetzt von Conny Lösch, 2026, geb. mit SU, 13,5×21,5 cm, 544 Seiten, 16-seitiger Bildteil, s/w und 4C, ISBN 978-3-453-21917-5, Heyne-Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe, Preis 28 €. Weitere Informationen mit Blick ins Buch unter: https://presse.penguinrandomhouse.de/john-paul/978-3-453-21917-5#info

Mein Fazit: Für Beatles-Fans ist „John & Paul“ wahrlich ein Muss – ich habe die digitale Vorveröffentlichung, die mir die Penguin Random House Verlagsgruppe dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hatte, sofort verschlungen. Besonders interessant fand ich die Ausführungen zu dem immensen Druck, den die Bandleader hatten, in ihrer termingedrängten Konzertphase eigene Songs zu schreiben, um vertraglich diktierte Singles und Alben abzuliefern – was sie dennoch so überragend und hochinnovativ bewerkstelligten. Ihre anschließende Studiophase war indes zunehmend von gegenseitiger Eifersucht und ständigem Machtkampf geprägt, wobei sich das volle kreative Potenzial gerade erst durch Reibung und Ergänzung mit dem jeweils anderen entfalten konnte. Sicherlich sind viele der Begebenheiten bereits mehr oder weniger bekannt (das Buch verfügt über einen über 50-seitigen Annex mit Quellenangabe und Registern), aber in dieser Zusammenstellung speziell über das Songwriting und die komplexe Beziehung des Komponistenduos ein wichtiger Mehrwert für die Leserschaft. Newcomer erfahren indes grundsätzlich Neues, allerdings ohne den notwendigen Rahmen (hier wäre eine übergeordnete Beatles-Biografie als Co-Lektüre empfehlenswert).

Jochen „Joe“ Cantner
Der Name Jochen Cantner steht für die breiten Themenfelder Natur, Umwelt und Kultur. Und unter seinem Künstlernamen Joe widmet er sich insbesondere dem Kulturgut Musik. Über die Blockflöte im Kleinkindalter näherte er sich diesem Metier zaghaft an, mitunter widerwillig. Der Durchbruch aber kam als Teenager, als er die Beatles im Fernsehen zu sehen und hören bekam – allerdings mit dem Schönheitsfehler, dass es diese fabelhafte Band da schon nicht mehr gab. Dennoch blieb er an der Gitarrenmusik hängen, spielte dann selbst in einigen unbedeutenden Augsburger Bands und Session-Formationen. Heute ist er noch immer fasziniert von Gitarrenheld*innen sowie Pop- und Rockmusik, mag aber die gesamte Vielfalt der Musikgenres. In seiner Betätigung als Publizist freut er sich, die Musikervereinigung KUKI e.V. redaktionell unterstützen zu können!

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