Montag, halb acht, drückende Julihitze: Fünf Musiker und ihr Kapellmeister mit Gitarrensynthesizer proben für den nächsten Karaoke-Abend. Zu Gast: eine Sängerin und ein Sänger, auf die offiziell hier niemand Rücksicht nimmt. Inoffiziell wird genau das an diesem Abend widerlegt.
Der Proberaum hat einen großen vierteiligen Spiegel an der Stirnseite – doch kaum jemand wird heute Abend hineinblicken. Die Augen der Musiker bleiben meist auf den Tablets mit den Leadsheets und den Songtexten. Die Musiker, das sind: Jürgen Peschanel (Gitarre und Special Effects), Sigi Bigiel (Schlagzeug), Reinhold Geller (Percussion), Jochen Haug (Gitarre) und Frank Schüßler, der beim nächsten Gig für Coco Bartl am Bass einspringt. Coco selbst ist trotzdem mit dabei. Er hat es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und spielt mit. Aber nur leise über Kopfhörer. „Zwei Bässe sind einer zu viel“, erklärt er.
Während aufgebaut wird, erzählt Jürgen, dass ihm während der Ausbildung die Post den Führerschein bezahlt hat. Reinhold kontert, er selbst habe damals nur drei Fahrstunden gebraucht – 1968, als, wie Jürgen scherzt, „noch Pferdekutschen unterwegs waren“. Jochen kommt ein bisschen später dazu, etwas erschöpft vom vergangenen Wochenende. Auf Karina Bschorr, die diesen Abend mit ihrer Kamera begleitet, reagiert er mit einem Augenzwinkern: „Ach du Scheiße, schon wieder ’n Foto dabei. Ich bin doch vom Wochenende noch komplett durch. Freitag, Samstag und Sonntag hab ich gespielt.“ Es fühlt sich hier alles nicht wirklich nach Probe an – eher so, als würden sich Freunde spontan treffen, um gemeinsam Musik zu machen.


„Auf die Sänger wird keine Rücksicht genommen“
Nach ein paar Minuten geht es los. Gastsänger Hubert Bartlmä entscheidet sich für Elvis, „Hound Dog“ – etwas Einfaches zum Reinkommen, wie er sagt. Ich will wissen, ob die Band stets die Originaltonarten spielt. „Ab und zu transponieren wir ein bisschen“, sagt Jochen. Als ich nachhake, ob es darum geht, Songs ein wenig sängerfreundlicher zu machen, fällt mir die ganze Runde ins Wort: „Nein, nein!“ Coco bringt es auf den Punkt: Auf die Sänger werde keine Rücksicht genommen. Er zeigt schmunzelnd auf Jochen: „Das machen wir nur, wenn die Fingersätze für unsere Gitarristen zu knifflig sind.“
Jürgen widerspricht sofort, halb ernst: Man nehme durchaus Rücksicht. Es habe sogar schon Komplimente vom Publikum gegeben, wie gut die Band die Sänger auffange. Zum Beweis erzählt er von einer Darbietung von „Touch too much“ von AC/DC. „Ich kenn’ das Lied nicht, ich versuch’s jetzt einfach mal“, hat der Sänger gesagt. Nach zehn Takten wusste die Band nicht mehr genau, wo sie war. Begonnen und beendet wurde der Song trotzdem einigermaßen gemeinsam. Wie das funktioniert? Die Sänger stehen meist direkt neben Jochen. Ist jemand „komplett lost“, wie Jochen es formuliert, holt er ihn mit einem etwas lauter gespielten Akkord zurück – oder er singt kurz die aktuelle Textpassage vor, um ihn wieder in die Spur zu bringen.
Kaum ist „Hound Dog“ durch – Hubert gibt den Elvis überzeugend, am Ende gibt es Applaus –, grinst Jürgen in meine Richtung und setzt im Scherz nach: „Also, du merkst, wir gehen nicht auf die Sänger ein.“
Wenn die Sängerin die Band rettet
Vorschläge für den nächsten Song werden heute nicht vorher abgesprochen, sondern spontan verhandelt. Francesca Pata entscheidet sich für den Meredith-Brooks-Hit „Bitch“. Beim ersten Versuch setzt sie zu spät ein. Also, Take 2. Diesmal liegt sie richtig. Dann der Übergang zur zweiten Strophe mit einem ungewöhnlichen Zwei-Viertel-Takt, der Karaoke-Sänger häufig überrascht – und heute auch die Band selbst. Francesca ist die Einzige, die den Einsatz richtig trifft. Die Anerkennung von Reinhold kommt prompt: „In diesem Fall hast du die Band wieder eingefangen.“ Beim dritten Anlauf sitzt alles, Coco zählt den kniffligen Takt laut mit – am Ende gibt es wieder Applaus.
Zwischendurch geht es auch um Lautstärke, um Sound-Feinschliff: Jochen bittet Jürgen, sein Solo präsenter zu spielen, weil es untergehe. Jürgen kontert scherzhaft, dann würde man ihn ja hören. „Das entbehrt nicht einer gewissen Logik“, findet Jochen. Kleine technische Absprachen wie diese ziehen sich durch den ganzen Abend, unauffällig zwischen den Songs.


Meister der Kapelle, der Leadsheets und der Special Effects
Die eigentliche Konstante der KUKI Karaoke Band ist Jürgen. Aus seiner Gitarre holt er über ein Effektgerät Keyboard- und Synthie-Klänge, wenn der Song nach einem Piano oder einer Orgel verlangt, etwa beim Intro zu „Knockin’ on Heaven’s Door“ – wer das nicht weiß, wird sich bei einem Auftritt der Band sicher fragen, wo sich der Keyboarder versteckt. „Man muss nicht unbedingt Tasten drücken, um Keyboard zu spielen“, kommentiert Jochen, als wäre es das Normalste der Welt.
Jürgen ist, wie er selbst sagt, quasi der Kapellmeister der Band. Die Idee zur Karaoke-Band kam ursprünglich nicht von ihm, sondern von Stefan Martens, Gitarrist bei Button Rouge, der von einem Live-Karaoke-Projekt am Bodensee berichtete. So entstand die Band, zunächst mit dem Wunsch, jedes Instrument doppelt zu besetzen. Das Vorhaben erwies sich jedoch als organisatorisch kaum zu stemmen – am Ende blieb die heutige Besetzung übrig. Das erste Karaoke fand im Februar 2024 zusammen mit der Voicefactory statt: zwölf Sänger, zwölf Lieder, beim zweiten Mal schon achtzehn. Die Songs waren dabei vorab mit den jeweiligen Sängerinnen und Sängern einstudiert – von offenem, spontanem Karaoke konnte da also noch keine Rede sein. Das änderte sich erst beim dritten Gig: Die Band krempelte das Format komplett um, hin zu echtem Karaoke mit unbekannten Sängern und einem Repertoire von rund 30 Liedern. KUKI-Vorstand Tommi Lindner kommentierte das Vorhaben so: „Das ist ja der Sprung ins eiskalte Wasser! Wollt ihr euch das echt antun?“
Sie wollten. Und genau dieser Sprung ins kalte Wasser macht die Vorarbeit im Hintergrund erst richtig wichtig. Als Kapellmeister bastelt Jürgen alle Leadsheets selbst, im Notationsprogramm MuseScore. Die Song-Datenbank verwaltet er in Dropbox. Mittlerweile ist ein Repertoire von rund 80 Songs entstanden – bei Auftritten liegt eine Auswahlliste mit etwa 35 Titeln aus. Jürgens allererstes Leadsheet war „Barbies“ von Pink. Dafür, so erzählt er, habe er sich einst drei Tage lang reingehängt, doch dann war der vermeintlich einfache Song – vorher von der Band als „Pipifax“ eingeschätzt – bei der ersten Probe selbst in zwei Stunden nicht zu meistern. Nicht jeder Song schafft es ins Repertoire: „Daddy Cool“ von Boney M. wurde verworfen – „da hast du etwa 60 Prozent instrumental und nur 40 Prozent Gesang“, erklärt Jürgen. „Suboptimal für Karaoke.“
Zwei Jahre lang habe die Band vergeblich nach einem festen Keyboarder gesucht, erzählt Jürgen. Irgendwann kaufte er sich kurzerhand einen Gitarrensynthesizer im Bundle mit einem Piezo-Tonabnehmer – seitdem übernimmt er alle zusätzlichen Klangfarben selbst. So etwas wie das Intro von „Knockin’ on Heaven’s Door“ ist für ihn längst Routine.

Als Gäste: „Phantomsänger“
An diesem Abend ist Hubert als Gastsänger da – in der Band werden solche Gäste „Phantomsänger“ genannt. Er ist seit rund einem halben Jahr regelmäßig dabei, wie er selbst sagt, ohne sich gleich als Stammgast bezeichnen zu wollen. Zum Singen sei er über eine Blaskapelle und später die Voicefactory gekommen, erzählt er. „Rock und Pop, hin und wieder Karaoke.“ Eine feste Band habe er nicht. Bei der KUKI Karaoke Band sei er gleich zu Anfang sehr freundlich aufgenommen worden. „Das ist für mich perfekt. So kann ich immer ein wenig üben, ganz ungezwungen.“
Francesca gehört ebenfalls keiner Band an, sie hat hier „einfach nur Spaß am Singen“. Auch Karina tritt heute Abend ans Mikro. Auf „Use Somebody“ von Kings of Leon, so die Ruby-Fruit-Sängerin, habe sie „richtig Bock“. Jürgen erklärt, warum Phantomsänger für die Band wichtig sind: Singen und Gitarrespielen gleichzeitig funktioniere bei ihm einfach nicht – deshalb sei man froh über jeden, der bereit ist, sich vorn hinzustellen.
Kreisende Akkorde und ein letztes „Danke“
Die Probe schreitet voran: Songs von Wolfgang Ambros, ABBA und Alanis Morissette, mit Pausen bei geöffneten Fenstern, weil es im Raum längst stickig geworden ist. Bei „What’s Up“ gibt Jürgen mitten im Song per Zuruf das Kommando für den korrekten Einsatz der Leadgitarre. Coco nennt den Song von 4 Non Blondes übrigens „Kreiserle“. „A, B, D, A – A, B, D, A – A, B, D, A… immer im Kreis, von vorn bis hinten“, erklärt er und hofft, dass bei solchen Liedern wenigstens der Text eine schöne Geschichte erzählt.
Gegen Ende der Probe verkündet Francesca, dass dies ihre letzte gewesen sei – aus Zeitgründen. Sie bedankt sich bei allen: „Es hat mir superviel Spaß gemacht mit euch.“ Ihren Dank richtet sie auch an die Bandmitglieder, die heute nicht dabei sein konnten: Klaus Peschanel (Gitarre), Stefan Westermeier (Schlagzeug) und Georg „Schorsch“ Koenig (Akustikgitarre und Mundharmonika). Jochen sagt ihr zum Abschied: „Unsere Tür ist immer für dich offen.“
Bevor alle nach Hause gehen, fasst er den Abend Karina und mir gegenüber halb ironisch zusammen: „Jetzt habt ihr mal so ’ne komplett konzeptlose Probe miterlebt“. Coco widerspricht augenzwinkernd: Das sei eher eine ganz normale Probe gewesen.
Wer Lust hat, selbst das Mikro in die Hand zu nehmen, muss nicht allzu lange warten: Am 24. September spielt die KUKI Karaoke Band ab 19.30 Uhr wieder live im Bombig. Sei dabei! Ohne Anmeldung, ohne Vorkenntnisse, aber mit ganz viel Spaß.


KUKI presents Live-Karaoke auf Facebook: https://www.facebook.com/p/KUKI-presents-Live-Karaoke-61552101936053/
Text: Benny Lück
Fotos: Karina Bschorr

Benny Lück
Als ich zur Welt kam, grüßte Desmond Dekker mit „Israelites“ von Platz eins der deutschen Charts, 38 Tage später begann das Woodstock-Festival – musikmäßig ging’s also schon mal ganz gut los. Meine weitere musikalische Sozialisation ist schnell erzählt: leiernde Kassetten, Disco, Schlager der Woche, „TNT“ in brüllender Lautstärke auf dem Jungsklo der Hauptschule, bis der Hausmeister dem Spuk ein Ende setzte – so was eben. Heute schraddle ich auf meiner Larrivée L-03. Nicht auf irgendwelchen Bühnen, nur bei uns zu Hause, weshalb mich meine Frau auch schon als „Sofagitarrist“ bezeichnet hat. Und ich darf für den KUKI Express schreiben. Toll!

Karina M. Bschorr
Arbeitet seit 2010 als selbständige Fotografin. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Portraits und Familienreportagen, Kindergärten und Eventfotografie. Zur Musik kam sie, als eine Freundin sie mit zu ihrer Bandprobe geschleppt hat. Seitdem ist viel Zeit vergangen und die Musik wurde zu einem festen Bestandteil in ihrem Leben.

Fragen, Anregungen und Wünsche?
Hast du Fragen, Anregungen oder besondere Wünsche zu unserer Vereinszeitung? Möchtest du Lob loswerden oder Kritik äußern? Dann schreib uns einfach eine E-Mail an redaktion@express.kuki-augsburg.de.
Wir freuen uns auf dein Feedback und melden uns schnellstmöglich bei dir!



Danke an euch Beide, für diesen echt super Artikel. Es war auch uns ein Vergnügen Euch bei unserer Probe dabei zu haben. Macht weiter so.
Hat Spaß gemacht. 🙂 Wenn ich darf, schau ich gern wieder vorbei. Vielleicht als Phantomsänger wenn ihr mal „Verdamp lang her“ probt 😉
Ihr seid immer willkommen. Für Verdap lang her muß ich erst das lead Sheet „schnitzen“ 🙂
Leider konnte ich bei der Probe nicht dabei sein. Vielen Dank für den schönen Artikel.