Karina Bschorr

„Ein Mischpult ist kein Klärwerk“ – Zu Besuch bei Ludger Sauer im Tonstudio ISSA Musik

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Seit fast 40 Jahren holt Ludger Sauer das Beste aus Musikern heraus – und weiß genau, was er ihnen hierfür abverlangt. Ein Besuch im Augsburger Tonstudio ISSA Musik, wo gute Musik entsteht, bevor die erste Note gespielt wird.

Ein sonniger Montagvormittag in Göggingen. Karina, als Fotografin im Einsatz, und ich stehen vor einem modernen Bürogebäude in der Peter-Dörfler-Straße. Innen wartet nicht nur eines der renommiertesten Tonstudios der Region, sondern auch ein echtes Augsburger Urgestein: Ludger Sauer. Seit 1987 betreibt er ISSA Musik.

Karina Bschorr Das Logo von ISSA Musik im Regieraum

Im Regieraum prangt an der Wand hinter dem weinroten Sofa das Logo von ISSA Musik: schwarze Buchstaben, ein roter Schwung, dahinter helles Holz. Wer hier zum ersten Mal reinkommt, fragt sich unweigerlich: Was mag ISSA wohl bedeuten? Ludger, Jahrgang 1965, lacht kurz auf. Die Antwort führt ins Jahr 1987, zu den Augsburger Brecht-Tagen und zum ersten Auftrag: Es ging darum, Werke eines russischen Dichters zu vertonen. Ein Freund, zugleich Kompagnon und erster Finanzier, schlug damals etwas übermütig „International Sound Studio Augsburg“ vor. „Für mich als jungen Kerl während des Musikstudiums war mir das zu viel auf die Kacke gehauen“, sagt Ludger. Er beließ es lieber bei der dezenteren Abkürzung ISSA. Mittlerweile arbeitet das Studio mehr im und fürs Ausland als lokal – der Name passt also doch.

Live End Dead End: Die Physik des Wohlfühlens

Vor gut vier Jahren zog das Studio aus der Altstadt nach Göggingen. Drei Monate hat Ludger gemeinsam mit einem befreundeten Spezialisten aus Holland an der Akustik des Regieraums gefeilt. Das Ergebnis nennt sich „Live End Dead End“ – ein Konzept aus den 80ern, bei dem der Raum in zwei Akustikzonen aufgeteilt ist: Vorn wird kaum Schall reflektiert (Dead End), hinten ist der Raum lebendiger (Live End). Die Position bestimmt, wie man mischt. „Wenn du zu weit vorn sitzt, schraubst du immer zu viel Hall rein. Wenn du zu weit hinten sitzt, zu wenig. Hier in der Mitte, mit Tendenz zum Live End – das ist der optimale Punkt.“ Er klatscht in die Hände. Tatsächlich: Im hinteren Teil des Raums kommt spürbar mehr zurück.

Vom Kassettenrekorder zu ISSA Musik

Ludger hat Klavier, Gitarre und Komposition am Leopold-Mozart-Konservatorium studiert. Die Möglichkeit, seinen Abschluss in einen Hochschulabschluss zu verwandeln, verwarf er: „Ich hatte ja auch schon mein Studio, und da war mir klar, ich will das hier machen.“ Schon als Kind hatte er – zum Leidwesen seiner Eltern – alles Technische auseinandergenommen. Dann wurden Kassettenrekorder mit einem Y-Kabel zusammengelötet, damit er beim Überspielen dazu noch ein Instrument spielen konnte. „Das hat natürlich furchtbar gerauscht. Mir hat es dennoch sehr gut gefallen.“ Dann nahm er sich die Beatles zum Vorbild: „Aha, die schlafen schön aus, gehen irgendwann ins Studio, machen die Musik, die ihnen Spaß macht, und können davon leben. Das will ich auch.“

„Alle deutschen Kleinstädte schauen gleich aus“

Auf der Bühne steht er selbst heute kaum noch. Drei Jahre war er mit dem Musical „Mahalia: A Gospel Musical“ auf Tournee. Ludger lacht: „Ich kenne alle deutschen Kleinstädte – und ich kann dir sagen, sie schauen alle gleich aus.“ Danach noch ein bisschen Tanz- und Hochzeitsband. Heute ist ihm das zu anstrengend. Und er ergänzt: „Dass eine 20-jährige Braut keinen 60-jährigen grauhaarigen Mann auf der Bühne stehen sehen mag, ist auch verständlich.“

„Shit in, shit out“: Was Bands im Studio wissen müssen

Wer zu Ludger ins Studio kommt, sollte wissen, was er will – und zwar, bevor er ankommt. Das Vorgespräch ist für ihn die Grundlage. „Bands sind immer dann am besten vorbereitet, wenn sie wissen, was sie spielen, und nicht mehr daran denken müssen.“ Bands empfiehlt er, sich möglichst früh die grundsätzliche Frage zu stellen: Wo wollen wir hin? Spaßband oder ernsthafte Ambitionen? Je nach Antwort ändert sich im Studio alles – die Herangehensweise, der Zeitaufwand, der Anspruch. Schon bei der Aufnahme macht sich das bemerkbar: Wer fünf Songs an einem Tag einspielen will, muss oberflächlicher arbeiten. Wer sich auf einen konzentriert, kann in die Tiefe gehen. Drei Stücke in guter Qualität an einem Tag – das ist realistisch.

Karina Bschorr Aufnahmeraum

Bei ISSA Musik kosten drei Songs auf professionellem Veröffentlichungsniveau – Aufnahme, Mixing und Mastering – für eine drei- bis vierköpfige Band rund 2.500 Euro. Eine Stunde 125, ein ganzer Tag 890 Euro. „Ich habe mich ganz bewusst entschieden, kein Billigstudio zu sein. Wenn du hier bist, kostet es was – es kommt aber auch was Gescheites dabei raus.“

In der Tontechnik kursiert der Spruch: „Ein Mischpult ist kein Klärwerk“. „Shit in, shit out“, verdeutlicht Ludger. Nichts ersetzt die gute Musikerin und den guten Musiker, auch wenn Ludger heute fast jeden schiefen Ton geradebiegen kann. „Mir ist es egal, ob du zu hoch singst, zu tief singst, zu früh oder zu spät. Das kann ich alles richten. Das Einzige, was ich nicht machen kann, sind Emotionen. Die brauche ich von dir.“

Der Kopf als Soundtempel

Die eigentliche Vorbereitung auf eine Session findet bei Ludger nicht am Mischpult statt, sondern im Kopf. Nach dem Vorgespräch überlegt er, wie er das Projekt technisch umsetzt – den Rest erledigt sein inneres Ohr. „Selbst wenn ich nur eine Handyaufnahme aus dem Proberaum höre, dann weiß ich, wie das fertige Produkt klingen soll. Ich weiß, wie die Gitarre klingen muss, ich weiß, wie das Schlagzeug klingen muss – ich höre das in mir drin.“

Das geht sogar noch weiter. Wenn jemand ohne jegliche Instrumentenkenntnisse zu ihm kommt, mit nichts als einer Idee und einer schiefen Melodie, setzt sich Ludger ans Klavier und tastet sich an den Wunschstil heran. „Dann ist der Song in meinem Kopf schon fertig. Dann geht es nur noch darum, ihn rauszubringen. Das ist reines Handwerk.“

Diese klare innere Klangvorstellung, sagt er, fehle vielen jungen Leuten heute. „Du kaufst ein Laptop und hast 80 Prozent der Möglichkeiten, die ich hier im Studio habe – aber nicht diese klare Klangvorstellung. Dann bist du komplett lost.“

Mit Empathie zum Spaß

Wenn er Musiker durch die Aufnahme führt, setzt er auf Empathie oder darauf, „einfach mal die Klappe zu halten“. Manche bräuchten Druck, andere bräuchten Ruhe. Manche lieferten beim ersten Take das Beste ab und würden mit jeder Anmerkung schlechter. „Dann nimmt man letztendlich doch den ersten Take.“ Sein Rat an jeden, der ins Studio kommt: „Komm’ hierher mit der Absicht, Spaß zu haben. Sobald man das als Buckelei sieht, geht die Leichtigkeit verloren.“

Herzensprojekt: Kidzangoni e.V.

Ludger engagiert sich übrigens auch fernab seines Studios. Eine Reise nach Kenia im Jahr 2010 hat seinen Blick verändert. Dort erlebte er eine Szene, die ihn nicht mehr losließ: Eine Hütte, eine Gruppe von Kindern auf dem Lehmboden, kaum Material, kaum Möglichkeiten – und doch ein enormer Wille zu lernen. 60 Kinder, drei abgenagte Stifte.

Kidzangoni e.V.

Mit seiner Frau Doris gründete er daraufhin den gemeinnützigen Verein Kidzangoni e.V. Was mit der Finanzierung einer warmen Mahlzeit für 60 Kinder begann (Kosten: drei Euro – für alle, nicht pro Kind), ist heute eine Schule mit fast 500 Schülerinnen und Schülern und einem geteerten Zufahrtsweg. „Wir streamen mittlerweile Unterricht direkt in das strukturschwache Dorf“, erzählt Ludger stolz. Sogar eine Blaskapelle nimmt er dort hin und wieder unter seine Fittiche. „Die sind sehr enthusiastisch. Es klingt nicht unbedingt schön, aber das Feuer und die Emotionen stimmen.“ Für seine Arbeit bittet der Verein um Spenden. „Wir sind für jede Spende dankbar, und zehn gespendete Euro kommen auch direkt vor Ort an. Da geht nichts weg für Verwaltungskosten.“

Kontakt

ISSA Musik:
Peter-Dörfler-Straße 32
86199 Augsburg
WhatsApp: +49 821 15 97 08 (nur Text-, keine Sprachnachrichten!)
www.issa-musik.de

Kidzangoni e.V.:
Informationen und Spendenmöglichkeit unter www.kidzangoni.de

Hörbeispiele

nica
https://open.spotify.com/intl-de/album/14QAIit8tUw2wU5ZA3S91N
Das Video zum Song „easier“ wurde bei ISSA Musik gedreht: https://www.youtube.com/watch?v=jFRoR6ENd-g

Foreignson and his Ghosts
https://open.spotify.com/intl-de/artist/6mHpLUCFZ6U5aOY4Qmjy3h

Georg Koenig (Album vom Livekonzert im Bombig 2025)
https://open.spotify.com/intl-de/album/6rebWmV5elTCWV945n8P79

Andy Pötzsch
https://open.spotify.com/intl-de/track/3tA3RS8f1wZv9KJnVc9tnN

Lara Celine
https://open.spotify.com/intl-de/track/08WnWoa7723UNmflvILQ0m

Fake Orbit
https://open.spotify.com/intl-de/track/3dVfKreFNfVk80AJhvSyBA

Pas de trois
https://open.spotify.com/intl-de/album/1fzuXuh2uBUtV3qetc6BdI

Klaviermusik des 20. Jahrhunderts (aufgenommen in der Kongresshalle Augsburg)
https://open.spotify.com/intl-de/album/2zXbewlb1BCWopJzDEgqSY

Timothy Hodor – Sestina (aufgenommen in der Kongresshalle Augsburg)
https://open.spotify.com/intl-de/album/3L7UFcpwFm651ii7tt1kuz

Dimitri Lavrentiev – Trip to Mars
https://open.spotify.com/album/21CwMgpCHe8e9yYT5exKnw

Text: Benny Lück
Fotos: Karina Bschorr


Benny Lück

Als ich zur Welt kam, grüßte Desmond Dekker mit „Israelites“ von Platz eins der deutschen Charts, 38 Tage später begann das Woodstock-Festival – musikmäßig ging’s also schon mal ganz gut los. Meine weitere musikalische Sozialisation ist schnell erzählt: leiernde Kassetten, Disco, Schlager der Woche, „TNT“ in brüllender Lautstärke auf dem Jungsklo der Hauptschule, bis der Hausmeister dem Spuk ein Ende setzte – so was eben. Heute schraddle ich auf meiner Larrivée L-03. Nicht auf irgendwelchen Bühnen, nur bei uns zu Hause, weshalb mich meine Frau auch schon als „Sofagitarrist“ bezeichnet hat. Und ich darf für den KUKI Express schreiben. Toll!



Karina M. Bschorr

Arbeitet seit 2010 als selbständige Fotografin. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Portraits und Familienreportagen, Kindergärten und Eventfotografie. Zur Musik kam sie, als eine Freundin sie mit zu ihrer Bandprobe geschleppt hat. Seitdem ist viel Zeit vergangen und die Musik wurde zu einem festen Bestandteil in ihrem Leben.


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