Am Einlass zu einem Konzert zeigt sich, wer lieber plant und wer auf den spontanen Glücksmoment setzt. Ein kleiner ironischer Blick auf Ticketkauf, Selbstbild und die feinen Unterschiede, bevor auf der Bühne der erste Ton erklingt.
Es gibt im Konzertleben zwei grundverschiedene Menschentypen. Die einen kaufen ihr Ticket früh und mit jener leicht angespannten Disziplin, die man sonst nur von Leuten kennt, die ihre Steuererklärung frühzeitig abgeben und bei jeder noch so kleinen Zugverspätung schon innerlich seufzen: „War ja klar.“ Die anderen warten bis zur Abendkasse. Also bis zu dem Punkt, an dem aus „mal schauen“ ziemlich schnell „hoffentlich ist noch was da“ wird. Beide Seiten sind überzeugt, die Lage souverän zu beherrschen: Die einen nennen ihre Vorsicht Klugheit, die anderen ihr Zögern Freiheit.
Der Vorverkauf ist die Form des Ticketerwerbs für alle, die gern so tun, als hätten sie ihr Leben im Griff. Man entscheidet sich früh, zahlt früh, freut sich früh und hat anschließend das beruhigende Gefühl, etwas erledigt zu haben. Das Konzertticket ist in dieser Logik nicht einfach ein Eintrittsnachweis, sondern ein Statement gegen die Unordnung der Welt.
Praktisch ist es außerdem. Meistens ist der Vorverkauf günstiger, die Auswahl ist besser und das Risiko, vor einer Tür mit dem Hinweis „ausverkauft“ zu stehen, ist null. In dieser Hinsicht wirkt der Vorverkauf sehr erwachsen. Fast schon spießig. Aber auf eine sympathische Art.
Für Bands ist das Ganze weniger ideologisch. Sie denken bei einem verkauften Ticket vermutlich nicht: „Ach, wie schön, Vorfreude.“ Sie denken eher: „Okay. Reicht das jetzt für Saalmiete, Benzin und Verpflegung bzw. rechnet sich das für den Veranstalter?“ Philosophie hin oder her: Der Vorverkauf ist ein Wirtschaftsbarometer. Den Künstlern zeigt er, ob sie dem Abend entspannt entgegensehen können oder ob beim Soundcheck bereits vorsichtig mit der Insolvenz geflirtet wird. Dem Veranstalter zeigt er, ob das Interesse am Konzert groß genug ist, um es auch stattfinden zu lassen.
Und trotzdem gibt es hier eine interessante Pointe: Musikerinnen und Musiker schätzen den Vorverkauf sehr. Wechseln sie allerdings in die Besucherrolle, sieht die Sache oft anders aus. Dann hört man erstaunlich schnell: „Ich mach das später noch“ oder „Ich schau kurz vorher, ob ich wirklich gehe.“ Im Kopf ist der Vorverkauf wunderbar vernünftig. Im Alltag ist er erstaunlich weit weg.
Und damit kommen wir zur Abendkasse.
Sie ist die Bühne für die selbst ernannten Freigeister. Menschen, die nicht planen wollen, weil Planung schließlich das Gegenteil von Leben ist. Oder zumindest erzählen sie sich das gern. In Wahrheit ist der Gang zur Abendkasse meist eine Mischung aus Aufschub, Hoffnung und dem festen Glauben, dass sich die gewünschte Tür schon irgendwie öffnen wird.
Das kann gutgehen. Es kann aber auch bedeuten, dass man vor einer restlos gefüllten Location steht und plötzlich sehr genau weiß, was man vorher hätte tun können. Und dann kann man sich nicht mal ein Getränk holen, um sich damit zu trösten.
Die Abendkasse hat Charakter, aber keinen Respekt. Sie kann freundlich sein, Restkarten haben und manchmal sogar ein kleines Wunder vollbringen. Sie kann aber auch teurer sein oder einfach nichts mehr hergeben. Dann steht man da und merkt, dass Kurzentschlossenheit eine hübsche Idee ist, solange sie auf Verfügbarkeit trifft.
Natürlich hat die Abendkasse ihre Berechtigung. Nicht jeder möchte sein kulturelles Leben Wochen im Voraus im Kalender festzurren, als wäre ein Konzert ein Zahnarzttermin. Manche entscheiden eben gern am selben Tag, ob sie wirklich losziehen. Das ist völlig in Ordnung. Und auch für Bands ist ein spontan besetzter Platz schließlich ein besetzter und bezahlter Platz.
Der Haken: Diese Freiheit ist nicht umsonst. Man bezahlt mit Unsicherheit, manchmal mit einem höheren Preis und gelegentlich mit dem kleinen Nervenkitzel, ob man überhaupt noch hineinkommt. Die Abendkasse ist ein bisschen Leben im Hier und Jetzt – und ein bisschen Drama.
Am Ende ist der Unterschied zwischen Vorverkauf und Abendkasse also weniger eine Frage des richtigen Systems als eine Frage der persönlichen Lebensphilosophie. Der Vorverkauf steht für Kontrolle, Sicherheit und das beruhigende Gefühl, ein Problem schon vor Wochen gelöst zu haben. Die Abendkasse steht für Vertrauen ins Schicksal und gelegentlich auch für die eigene Naivität.
Beides hat seinen Reiz.
Wer früh kauft, hilft der Band. Wer spät kauft, hilft dem eigenen Nervenkitzel. Und wer vor der „Ausverkauft“-Tür steht, lernt: Spontaneität ist ein wunderbares Prinzip – wenn sie rechtzeitig mit einem Ticket versorgt wird.

Benny Lück
Als ich zur Welt kam, grüßte Desmond Dekker mit „Israelites“ von Platz eins der deutschen Charts, 38 Tage später begann das Woodstock-Festival – musikmäßig ging’s also schon mal ganz gut los. Meine weitere musikalische Sozialisation ist schnell erzählt: leiernde Kassetten, Disco, Schlager der Woche, „TNT“ in brüllender Lautstärke auf dem Jungsklo der Hauptschule, bis der Hausmeister dem Spuk ein Ende setzte – so was eben. Heute schraddle ich auf meiner Larrivée L-03. Nicht auf irgendwelchen Bühnen, nur bei uns zu Hause, weshalb mich meine Frau auch schon als „Sofagitarrist“ bezeichnet hat. Und ich darf für den KUKI Express schreiben. Toll!

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Wieder mal herzerfrischend geschrieben. Und ich kenne tatsächlich beide Sorten Menschen. Der Sonntag started mit einem Schmunzeln im Gesicht, was will man mehr!